Deutsch-Griechische Gesellschaft "Griechen-Haus Leipzig" e.V.
Γερμανοελληνικός Σύλλογος «Σπίτι των Ελλήνων» Λειψία

Kalenderblatt 2018-05

Reisebericht Thessaloniki 9.-13. Mai 2018

Teilnehmer Städtepartnerschaftsverein Leipzig-Thessaloniki: Astrid Radelli, Carla Baer Manolopoulou

Mittwoch, 9.05.2018 
 
Nach der üblichen langwierigen Anreise über Wien landen wir nachmittags in Thessaloniki. Die Sonne scheint, aber für die nächsten Tage sind Gewitter und Regen angesagt. Wir checken im Hotel „Astoria“ ein und besprechen die geplanten Treffen der nächsten Tage. Noch ein paar Telefonate und wir machen uns auf ins Marktviertel, auf der Suche nach einer netten Taverne. Also schlendern wir durch die Straßen, beobachten die Menschen und sehen, wie sich die Stadt schon wieder verändert hat. Wie auch in Leipzig, ist hier ständig alles in Bewegung. Die Depression der letzten Jahre scheint zu schwinden, aber vielleicht haben wir uns auch nur an den Anblick gewöhnt. Es gibt viel mehr Bettler jetzt- Kinder und Alte, zerlumpte und ordentlich gekleidete, Griechen und Nichtgriechen. Ein junger Mann spricht uns an und fragt nach Kleingeld um seine „Pharmaka“ (Medikamente) kaufen zu können. Es ist offensichtlich, dass er wohl eher „Narkotika“ (Drogen) meint. Schließlich finden wir eine hübsche Taverne, sitzen unter einem Baum und genießen die milde Abendluft. Als ringsum die Griechen zum Essen eintreffen, sind wir schon wieder auf dem Heimweg – das frühe Aufstehen fordert seinen Tribut.
 
 
Donnerstag, 10.05.2018
 
Wir fahren früh zur Deutschen Schule und Treffen die Lehrerin Romy König, die für die Auslandspraktika verantwortlich ist. Auch einige andere alte Bekannte aus der Lehrerschaft laufen uns über den Weg. Wie schon in den vergangenen 5 Jahren, werden auch dieses Jahr im Juni wieder die 10.-Klässler ein dreiwöchiges Praktikum in Unternehmen in Leipzig absolvieren. 14 Jungen und Mädchen haben sich beworben, für 10 Schüler haben wir Praktikumsplätze organisieren können. Leider haben wir bisher nur 8 Gastfamilien. Es sind trotzdem alle 10 gekommen und lauschen erwartungsvoll unseren Erläuterungen zum Praktikumsablauf. Außerdem erklären wir, was es mit dem Jahr der Demokratie in Leipzig und einer möglichen Beteiligung der Schüler auf sich hat. Im Anschluss belehrt Romy zum angemessenen Verhalten während der Praktikumszeit. Und dann stürzen sich die Schülern auf die Mappen, die wir aus Leipzig mitgebracht haben: für jeden einen persönlichen Brief mit Informationen und Kontaktdaten zu den Gasteltern und zum
Praktikumsbetrieb sowie dem geplanten Programm, außerdem jede Menge Flyer und Broschüren zu Kultur und Unternehmungen in Leipzig. Vor allem jedoch die Zeitkarten für den ÖPNV, welche wir dank der großzügigen Spende der Leipziger Gruppe zur Verfügung stellen können. Plötzlich stürmen alle mit Fragen auf uns ein: Wo hier auf der Karte befindet sich mein Praktikumsbetrieb, wo wohnt meine Gastfamilie, wie komme ich von A nach B? Werden wir abgeholt? Was zieht man in einer Anwaltskanzlei an? Wie sind die Arbeitszeiten? Kann man in Leipzig auch paddeln gehen? Wo wohnen meine Mitschüler? Kann ich mit dem Ticket überall hin fahren? Es gibt ein Jump-House in Leipzig? Nur die zwei Jungen ohne Gastfamilien gucken traurig. Wir versprechen, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um sie auch noch unterzubringen. 
 
Danach sprechen wir mit der Schulleiterin Frau Becker und dem stellvertretenden Schulleiter Herrn Viering über unseren Projektvorschlag zum Jahr der Demokratie. Herr Viering ist gleichzeitig Leiter der AG Politik der DST (ca. 15 Schüler) und verfügt über Erfahrung mit ähnlichen Veranstaltungen. Er möchte mit diesen Schülern am Projekt teilnehmen. Ergänzend schlägt er Videokonferenzen mit der deutschen und der griechischen Projektgruppe während der Workshops vor, damit sich die Schüler bereits vor der Endveranstaltung in Leipzig kennenlernen und miteinander diskutieren können. Die Abschlussveranstaltung mit Diskussionen und Catwalk der Nationen ist natürlich das Highlight. Es wäre schön, wenn mehr als die 2 Teilnehmer, die das Projektbudget hergibt, daran teilnehmen könnten. Wir werden versuchen, zusätzliche Flüge gesponsert zu kriegen. Auch an der Revoluzionale in 2019 würde sich die DST gern beteiligen, hier sind unsere Planungen erst am Anfang.
 
Dann müssen wir uns beeilen, steht ein Treffen mit Christos Lazaridis vom Koordinierungsbüro der Deutsch-Griechischen-Versammlung (DGV) an. Die Deutsche Schule liegt etwas außerhalb, östlich der Stadt - als wir ein Taxi rufen, fängt es an zu regnen. Während wir in Richtung Innenstadt fahren, schüttet es wie aus Eimern, auf den Straßen laufen Rinnsale. Das kennen wir schon. Nach der halben Strecke verwandelt sich der Regen in Hagel. Das ist neu. Der Taxifahrer kann nichts mehr sehen und hat Angst um sein Fahrzeug. Wir telefonieren mit Herrn Lazaridis, ihm geht es nicht viel besser als uns. Das Treffen müssen wir verschieben. Je näher wir dem Stadtzentrum kommen, desto chaotischer wird der Verkehr. Auf Höhe Rathaus und Messegelände geht dann gar nichts mehr. Die Straßen haben sich in reißende Flüsse verwandelt, tiefer liegende Straßen sind unpassierbar. Die Kanalisation ist völlig überlastet, aus den Gullis schießen Wasserfontänen. Am Taxi schwimmt ein Geschwader von Blumentöpfen vorbei – rote, blaue, gelbe, grüne, orangefarbene. Auch ganze Blumenstöcke sind dabei. Wir wundern uns. Des Rätsels Lösung finden wir am Messegelände: es findet ein großer Blumenmarkt statt. Immer noch regnet es in Strömen, das Taxi fährt stop and go, langsamer als Schritttempo. Aber aussteigen ist keine Option. Draußen steht das Wasser einen halben Meter hoch. Wir fürchten, dass unser für den Nachmittag angesetzter Termin mit dem Generalkonsul ebenfalls platzt. Nach zweieinhalb Stunden sind wir in Hotelnähe. Hier kann man zumindest die Bürgersteige wieder betreten, wir überlassen den Taxifahrer seinem Schicksal und flüchten für ein Mittagessen ins Trockene. Währenddessen hört der Regen auf. Wir wollen uns schnell frisch machen, bevor wir wieder quer durch die Stadt ins Generalkonsulat fahren. Im Hotel angekommen, erwartet uns eine überschwemmte Lobby, es gibt keinen Strom, also auch keinen Fahrstuhl in den 8. Stock. Im Zimmer angekommen, stellen wir fest, dass es ironischerweise auch kein Wasser gibt. Also nur schnell umgezogen und zum Bus. Es ist erstaunlich: die Straßen sind fast wieder trocken, als wäre nichts gewesen. Nur dass jetzt überall Keller ausgepumpt werden und Leute das Wasser aus den Ladeneingängen fegen. Man sieht auch noch Schlamm und Müll, aber die Stadtbewohner sind eifrig beim Aufräumen, alles läuft sehr ruhig und koordiniert ab.
 
Generalkonsul Walter Stechel begrüßt uns herzlich in seinem Büro mit Blick über die Bucht von Thessaloniki. Wir berichten von den aktuell geplanten Projekten – zwei Demokratieprojekte, Teilnahme am Halbmarathon in Thessaloniki, Bildungsmöglichkeiten für die DST-Schüler in Leipzig (Praktika, Berufsakademie, Uni Leipzig). Er ist sehr angetan und würde das Demokratieprojekt auch mit seiner Schirmherrschaft unterstützen. Wiederholt betont er die Bedeutung des unermüdlichen Einsatzes des Städtepartnerschaftsvereines Leipzig-Thessaloniki. Selbst hat er auch etliche Ideen und Wünsche: eine engere Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Leipzig und Thessaloniki, eine städteübergreifende Alumniarbeit, Unterstützung bei der Recherche zu griechischen Flüchtlingen aus der Bürgerkriegs- und Militärdiktaturzeit in Leipzig (hierbei könnte der Leipziger Griechenhaus e. V. helfen) und schon lange wünscht er sich (wie auch wir) eine Kulturwoche von Leipzig/Sachsen in Thessaloniki und umgekehrt von griechischer Seite in Leipzig und wir sprechen über weitere interessante Projekte im kulturellen Bereich, bei denen es einen Bezug zur Städtepartnerschaft gibt. Leider endet die Amtszeit von Herrn Stechel am 30.6.2019, es würde ihn sehr freuen, wenn bis dahin Vertreter der Stadt Leipzig einen Besuch einplanen könnten.
 
 
Freitag, 11.5.2018
 
Gegen 5 Uhr morgens kehrt der Strom zurück, Wasser gibt es jedoch im Hotel immer noch nicht. Auch nicht im restlichen Stadtzentrum. Dafür scheint die Sonne. Unser spontaner Besuch im Büro Fenia Kastanopoulou, Kulturamt Thessaloniki, ist ergebnislos. Alle sind mit dem derzeit in Thessaloniki stattfindenden Elephantastico Festival (ein internationales Musik- und Theaterfestival für Kinder und Jugendliche) beschäftigt. Leider ist Leipzig nicht beteiligt. Wir nehmen Prospektmaterial mit. 
 
Mittags treffen wir uns mit Dimitris Savvaidis von AddArt (eine NGO, die als Kreativagentur Kunst und Politik verbindet). Herr Savvaidis war Teilnehmer beim Jugendforum 2016 in Thessaloniki und hat privat und beruflich häufig in verschiedenen Städten Deutschlands zu tun. Als wir ihm vom Comic Festival zur Buchmesse in Leipzig erzählen, ist er an einer Teilnahme interessiert. Unser Hauptanliegen ist jedoch die Revolutionale 2019 in Thessaloniki, deren Idee wir ihm erläutern. Er ist begeistert und skizziert uns mit leuchtenden Augen ein mögliches Konzept für die deutsch-griechische Beteiligung, welches zufällig beim ihm quasi schon fertig in der Schublade liegt. Die Idee ist toll und gefällt uns ausgesprochen gut, wir haben gleich Feuer gefangen und steuern weitere eigene Ideen bei. Gemeinsam werden wir einen Projektvorschlag erarbeiten. Zusätzlich würde Herr Savvaidis sich freuen, nicht nur die Idee beizusteuern sondern auch die Durchführung des zugehörigen Workshops zu organisieren. Wir freuen uns, dass ein sehr abstraktes Vorhaben so schnell Gestalt annimmt.
 
Später am Nachmittag treffen wir uns mit Dr. Rudolf Bartsch, Direktor des Goethe-Instituts Thessaloniki und Aris Kalogiris, seinem Assistenten. Wir stellen die geplanten Projekte Jahr der Demokratie und Revolutionale 2019 vor. Für letztere würde Dr. Bartsch am Goetheinstitut Räumlichkeiten d zur Verfügung stellen. Dies ist eine unschätzbare Hilfe. Noch in Vorbereitung ist das Jugendorchesterfestival in der Konzerthalle „Megaron Musikis Thessaloniki“  im nächsten Jahr. Wir bitten um baldige Informationen, denn die Mittel für mögliche Projekte müssen im Herbst beantragt werden. Herr Kalogiris verspricht sich schnellstmöglich zu kümmern, damit wir hier noch etwas vor der Ferienzeit im Sommer anstoßen können. Ein wichtiges Thema ist auch das Residenzprogramm für deutsche/Leipziger Künstler/Autoren am Goethe-Institut Thessaloniki. Hier besteht bereits erste Zusammenarbeit mit der Halle 14, Herrn Arzt (wofür wir im letzten Jahr den
Kontakt vermittelt hatten). Herr Bartsch wünscht sich jedoch eine gegenseitige Kooperation, d.h. Residenzprogramm für griechische Künstler/Autoren ebenfalls in Leipzig. Weiterhin steht die Galerie des Goethe-Institutes für Leipziger Künstler zur Verfügung.
 
Abends treffen wir uns mit Chefkoch Georgos Polyzos zum Essen. Es ist wieder einmal köstlich und das Restaurant hat beruhigender Weise fließendes Wasser. Nach zweimaliger Teilnahme am EAT EAT EAT Festival bleibt Herr Polyzos Leipzig verbunden und steht für weitere Unterstützung zur Verfügung. Wir hoffen sehr, ihn bald auch einmal als Tourist in Leipzig begrüßen zu können. 
 
 
Samstag, 12.5.2018
 
Endlich: Wir haben wieder Wasser! Nach ausgiebigen Reinigungsritualen sind wir auch schon wieder unterwegs. Wir wollen uns noch mit Vassilis Nanis treffen, der im letzten Jahr mit einem Stipendium im Rahmen des START Programms in Leipzig war und interessante, alternative Stadtführungen macht. Leider klappt es nicht, er muss arbeiten. Auch mit einem Nachholtermin bei Herrn Lazaridis haben wir kein Glück, er ist aus gesundheitlichen Gründen verhindert. So kosten wir die wundervollen Shoppingmöglichkeiten aus, genießen nochmal die Kulinarik und treffen Freunde. Später abends gewinnt PAOK Thessaloniki das Pokalfinale. Es bricht ein unglaublicher Trubel los. Autokorsos fahren hupend durch die Stadt, die Fußballfans singen und tanzen auf den Straßen, es gibt Feuerwerke. Mit einer für deutsche Verhältnisse unvorstellbaren Lautstärke und Ausdauer wird der Sieg der Heimmannschaft gefeiert. Erst morgens um Fünf legt sich der Lärm.
 
 
Sonntag, 13.5.2018
 
Unser Rückflug geht erst nachmittags. Anstatt mit Bus oder Taxi zum Flughafen zu fahren, nehmen wir das Schiff und schippern an der Küste lang nach Peraia, einem Badeörtchen, welches in Flughafennähe liegt. Dort wollen wir eigentlich die restliche Zeit für einen Strandaufenthalt nutzen, aber das Wetter spielt nicht mit. Es ist bewölkt und windig, wir frösteln auf den Sonnenliegen. Wir geben auf und ziehen die Pullover drüber. Aber zum draußen essen ist es schön, wir genießen also noch ein letztes Mal die Köstlichkeiten der nordgriechischen Küche, bevor wir uns zum Rückflug begeben. Zurück in Leipzig entdecken wir zufällig, dass es ab 15. Mai Direktflüge nach Thessaloniki gibt. Allerdings ab Dresden, und das auch nur dienstags und freitags. Aber immerhin: für einen kurzen Städtetrip mit Kultur, Kulinarik und Shopping wäre das doch eine Alternative.
 
 
Nachtrag:
Zurück in Leipzig sind die Bemühungen aller von Erfolg gekrönt: Wir haben die noch fehlenden zwei Gastfamilien gefunden, so dass alle 10 Schüler zum Praktikum nach Leipzig kommen können. Wir sind sehr dankbar, dass es selbstlose Bürger in Leipzig gibt, die den Kindern diese Erfahrung ermöglichen.

Wir danken dem Städtepartnerschaftsverein für die Genehmigung der Veröffentlichung auf unserer Website!


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